17. September 2008 - Diplomphysiker: Europa kann gesamten Strombedarf aus Erneuerbaren Energien decken

Europas gesamte Stromversorgung nur aus Erneuerbaren Energien? Völlig unmöglich, sagen Unions-Politiker und Vorstände der großen Energiefirmen unisono. Stimmt nicht, widerspricht der Diplomphysiker Gregor Czisch vom Institut für Elektrische Energietechnik der Universität Kassel. Mehrere Jahre hat er sich mit einem Szenario beschäftigt, nach dem der gesamte Strombedarf Europas aus Erneuerbaren Energien gedeckt wird. Und das Ergebnis ist verblüffend: Sogar mit der bereits existierenden Technik ist dies durchaus möglich: „Ja, das geht! Die Stromversorgung Europas ist mit vorhandenen Technologien und vertretbaren Kosten gänzlich ohne Atom-, Kohle-, Öl- oder Gaskraftwerke möglich", sagte Czisch auf einem Symposium in Salzburg, wo er seine Theorie ausführlich vorstellte.

Es gibt allerdings eine wichtige und unabänderliche Voraussetzung für sein Szenario - eine breite internationale Vernetzung der Ressourcen: „Nur großräumige Vernetzung, internationale und sogar interkontinentale Kooperation machen es möglich, günstigen Strom für ganz Europa und seine Nachbarn ausschließlich aus Erneuerbaren Energien bereit zu stellen", so Czisch. Mit dieser Aussage provoziert er sowohl die Energiekonzerne als auch die Anhänger alternativer Energien, die von dezentraler Stromversorgung reden und träumen. Doch wenn genug Strom produziert werden soll, müssen die natürlichen Ressourcen auch voll ausgenutzt werden. Dazu gehören Winterwinde aus Nordeuropa, Sommerwinde aus Nordafrika und die Sonne der afrikanischen Wüsten. Diese Verteilung hätte auch den Vorteil, dass man nicht auf einzelne Jahreszeiten angewiesen ist, sondern den Strom immer dort produziert, wo gerade die günstigsten Verhältnisse herrschen.
Außerdem wäre die Installation eines gigantischen Stromnetzes über ganz Europa und Nordafrika notwendig. Dieses soll mit Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungsanlagen geschehen, die beispielsweise in China bereits erfolgreich arbeiten.

Auch wenn der Wind den Großteil der Energie liefert, so strebt Czisch dennoch einen Energiemix an: Die Windenergie soll durch Solaranlagen, Wasserkraftwerke und Biomasseanlagen ergänzt werden. Wasserkraftwerke und Biomasse haben hier den Vorteil, dass sie Energie besser speichern und so über eventuell entstehende Versorgungslücken retten können, sollten die Naturgewalten einmal nicht die benötigte Energie liefern. Allein der bereits bestehende Speicherverbund in Skandinavien, der „NORDEL-Verbund", der Czisch bei seiner Vision vorschwebt, besitzt bereits jetzt ein Speichervermögen von 120 Terawattstunden. Die gesamte EU verbraucht in einem Jahr insgesamt 2350 Terawattstunden.

Czisch berechnete auch die Kosten einer solchen Stromversorgung. Er kam auf einen Preis, der nur knapp über dem derzeitigen liegen würde. Ginge man allerdings davon aus, dass sich bei dem gigantischen Auftragsvolumen durchaus realistische Preissenkungen ergeben würden, sei „eine regenerative Vollversorgung vorstellbar, die sogar wirtschaftlich günstiger ist, als die heutige Stromversorgung", so der Wissenschaftler.

Technisch ist die Vision des Diplomphysikers also kein Problem. Politisch wird er bei seinem Kampf für eine umweltfreundliche Stromversorgung aber wohl noch einige Hürden überwinden müssen.

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